Ein Engstand (die Zähne finden im Kieferknochen nicht genügend Platz und überlappen sich, sind verdreht oder nach vorn bzw. hinten verschoben) lässt sich bei den meisten Patientinnen und Patienten mit Alignern korrigieren. Leichter und mittlerer Engstand ist das häufigste und am zuverlässigsten vorhersagbare Anwendungsgebiet der Alignerbehandlung. Die Schienen schieben die Zähne in der am Computer geplanten Reihenfolge in Schritten von Zehntelmillimetern; wird Platz benötigt, erfolgt ein sehr feines Beschleifen zwischen den Zähnen (IPR). Bei ausgeprägtem Platzmangel, in Fällen, die eine Zahnextraktion erfordern, oder bei gleichzeitig schmalem Kiefer reichen Aligner allein möglicherweise nicht aus. In diesen Fällen werden feste Zahnspange, Erweiterungsapparatur oder eine kombinierte Behandlung bei der Untersuchung als Optionen beurteilt.
Was ist ein Engstand und woran erkennt man ihn?
Ein Engstand entsteht aus einem Missverhältnis zwischen der Gesamtbreite der Zähne und dem Platz, den der Kieferknochen bietet. Da die Zähne nicht hineinpassen, weichen sie voreinander oder hintereinander aus, verdrehen sich oder bleiben oberhalb der Zahnfleischlinie stehen. In der Kieferorthopädie wird dieses Missverhältnis in Millimetern gemessen und in der Regel in drei Grade eingeteilt:
- Leichter Engstand: etwa 1–3 mm Platzmangel. An ein oder zwei Zähnen zeigt sich eine leichte Verdrehung oder Überlappung.
- Mittlerer Engstand: etwa 4–6 mm Platzmangel. Mehrere Zähne überlappen sich deutlich.
- Ausgeprägter Engstand: 7 mm und mehr Platzmangel. Die Zähne können vollständig aus der Zahnreihe geraten sein, die Wahrscheinlichkeit einer Extraktion steigt.
Zu Hause vor dem Spiegel können Sie bemerken, dass sich die unteren Frontzähne überlappen, dass ein Zahn weiter hinten steht als die anderen oder dass sich die Zahnseide an manchen Stellen nur schwer durchführen lässt. Den genauen Grad bestimmt man in der Praxis mit einem intraoralen Scan oder Abdruck, einer Panoramaaufnahme und bei Bedarf einem Fernröntgenseitenbild (seitliche Schädelaufnahme).
Was sind die Ursachen eines Engstands?
Ein Engstand lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen; meist wirken mehrere Faktoren zusammen:
- Vererbung: Die häufigste Ursache ist die Kombination aus kleinem Kieferknochen und großen Zähnen bei derselben Person.
- Früher Verlust von Milchzähnen: Nachbarzähne wandern in die Lücke, für den bleibenden Zahn bleibt kein Platz.
- Spät durchbrechende oder verlagerte Zähne: Vor allem Weisheitszähne und Eckzähne (Canini) können Druck auf die Zahnreihe ausüben.
- Gewohnheiten: Langes Daumenlutschen, Schnuller und Mundatmung beeinflussen die Kieferentwicklung.
- Altersbedingte Veränderungen: Bei Erwachsenen ist ein mit der Zeit zunehmender Engstand der unteren Frontzähne verbreitet; bei kieferorthopädisch behandelten Menschen tritt er auch wieder auf, wenn die Stabilisierung vernachlässigt wird.
Wie korrigieren Aligner einen Engstand?
Die Alignerbehandlung ist ein schrittweises System, bei dem jede Schiene eine kleine Bewegung ausführt, bis die Zähne ihre geplante Endposition erreichen. Beim Engstand besteht das Ziel darin, zunächst Platz für die Zähne zu schaffen und sie dann in diesen Platz einzuordnen. Die wichtigsten Mechanismen sind:
Methoden zur Platzbeschaffung
- IPR (interproximale Schmelzreduktion): Am Zahnschmelz zwischen den Zähnen wird kontrolliert 0,2–0,5 mm abgetragen. Insgesamt lassen sich so einige Millimeter Platz gewinnen; nach allgemeiner Auffassung schadet dies der Zahngesundheit nicht.
- Erweiterung des Zahnbogens: Die Seitenzähne werden leicht nach außen geneigt und die Zahnreihe so verbreitert. Dies schafft begrenzt Platz.
- Vorneigen der Frontzähne (Proklination): Werden die Frontzähne etwas nach vorn geneigt, verlängert sich der Bogen und es entsteht Platz; bei geeignetem Lippenprofil bevorzugt.
- Zurückbewegen der Seitenzähne (Distalisierung): Vor allem im Oberkiefer werden die Backenzähne nach hinten verschoben, um Platz zu gewinnen; meist ist Unterstützung durch Gummizüge nötig.
- Zahnextraktion: Bei großem Platzmangel kann ein kleiner Backenzahn (Prämolar) entfernt werden. Ein Lückenschluss nach Extraktion ist mit Alignern möglich, die Planung ist jedoch komplexer.
Einordnen der Zähne
- Attachments: Kleine zahnfarbene Kompositerhebungen, die auf die Zahnoberfläche geklebt werden. Sie sorgen dafür, dass die Schiene den Zahn besser greift; zum Drehen verdrehter Zähne und zum vertikalen Bewegen eines Zahns sind sie erforderlich.
- Schrittweise Bewegung: Jede Schiene schiebt einen Zahn um höchstens etwa 0,25 mm oder dreht ihn um wenige Grad. Die Schienen werden nach dem Plan der Behandlerin alle 7–14 Tage gewechselt.
- Gummizüge: Liegt neben dem Engstand eine Bissfehlstellung vor, helfen kleine, an den Schienen eingehängte Gummizüge, auch die Kieferbeziehung zu korrigieren.
Bei welchem Engstand können Aligner an ihre Grenzen stoßen?
Aligner sind beim seitlichen Verschieben und leichten Drehen von Zähnen erfolgreich; einige Bewegungen sind für Aligner jedoch schwierig. In den folgenden Fällen kann Ihre Behandlerin eine feste Zahnspange, eine kombinierte Behandlung oder eine zusätzliche Apparatur empfehlen:
- Stark verdrehte runde Zähne: Eine Verdrehung kleiner Backenzähne und Eckzähne um mehr als 30 Grad lässt sich mit Alignern schwer kontrollieren.
- Zähne, die oberhalb der Zahnfleischlinie stehen geblieben sind: Das Herunterziehen eines Zahns (Extrusion) gehört zu den schwächsten Bewegungen für Aligner; Attachments und manchmal Unterstützung durch Brackets sind erforderlich.
- Extraktionsfälle: Beim Schließen großer Lücken ist es schwierig, die Wurzeln parallel zu halten; kurzzeitig können Brackets oder Zusatzelemente eingesetzt werden.
- Verlagerte Eckzähne: Der Zahn muss zunächst chirurgisch freigelegt und meist mit Brackets in die Zahnreihe eingeordnet werden.
- Schmaler Oberkiefer: Insbesondere bei Kindern kann eine Apparatur zur schnellen Gaumennahterweiterung, bei Erwachsenen eine chirurgisch unterstützte Erweiterung infrage kommen.
Keiner dieser Fälle schließt Aligner vollständig aus; häufig wird die schwierige Bewegung kurzzeitig mit Brackets abgeschlossen und die restliche Behandlung mit Alignern fortgesetzt. Welcher Weg geeignet ist, wird nach Untersuchung und digitaler Planung entschieden. Die übrigen Optionen können Sie auf der Seite Aligner oder feste Zahnspange? vergleichen.
Wie lange dauert die Alignerbehandlung bei Engstand?
Die Dauer hängt vom Ausmaß des Platzmangels, von der Anzahl der zu bewegenden Zähne und davon ab, ob die Schiene regelmäßig 20–22 Stunden täglich getragen wird. Allgemeine Richtwerte:
- Leichter Engstand: etwa 6–9 Monate.
- Mittlerer Engstand: etwa 9–15 Monate.
- Ausgeprägter Engstand oder Engstand mit Extraktion: 15–24 Monate; eine kombinierte Behandlung kann nötig sein.
Kontrollen finden in der Regel alle 6–10 Wochen statt. Die in der Planungssoftware berechnete Dauer ist eine Schätzung; wird die Tragezeit nicht eingehalten oder bewegen sich manche Zähne langsamer als erwartet, kann ein zusätzlicher Schienensatz (Korrektursatz) nötig werden. Einzelheiten finden Sie auf der Seite Behandlungsdauer.
Gibt es Unterschiede zwischen Kindern und Erwachsenen?
Bei Kindern und Jugendlichen sind die Möglichkeiten der Platzbeschaffung größer, da das Kieferwachstum noch andauert. Bei Patientinnen und Patienten im Wachstum kann ein schmaler Kiefer erweitert und Platz für durchbrechende Zähne freigehalten werden. Für das Wechselgebiss (die Phase, in der Milch- und bleibende Zähne gleichzeitig vorhanden sind) gibt es speziell entwickelte Alignersysteme; die Tragedisziplin sollte jedoch gemeinsam mit der Familie überwacht werden. Bei Erwachsenen ist das Wachstum abgeschlossen, daher wird Platz durch IPR, Distalisierung oder Extraktion geschaffen. Die Zahnbewegung verläuft etwas langsamer; Zahnfleisch- und Knochengesundheit werden vorab beurteilt. Bestehen neben dem Engstand über Jahre entstandene Abnutzungen oder ein Zahnfleischrückgang, wird der Behandlungsplan entsprechend angepasst. Einzelheiten nach Alter finden Sie auf der Seite Ab welchem Alter Aligner?.
Kommt der Engstand nach der Behandlung zurück?
Die Zähne – insbesondere die unteren Frontzähne – neigen nach Behandlungsende dazu, in ihre alte Position zurückzukehren. Deshalb ist die Stabilisierung (Retention) fester Bestandteil der Behandlung. Zwei Methoden werden kombiniert oder einzeln eingesetzt:
- Fester Retainer: Ein dünner Draht, der an der Rückseite der Frontzähne befestigt wird. Er ist unsichtbar und wird beim Engstand im Unterkiefer häufig gewählt.
- Herausnehmbarer Retainer: Dünne, den Alignern ähnliche Schienen. Sie werden in den ersten Monaten lange und danach nur nachts getragen; die allgemeine Empfehlung lautet lebenslanges nächtliches Tragen.
Eine vernachlässigte Stabilisierung ist die häufigste Ursache dafür, dass sich Jahre später erneut ein Engstand bildet. Ausführliche Informationen finden Sie auf der Seite Retainer nach der Behandlung. Zu den Kriterien für die Eignung für Aligner siehe die Seite Für wen sind Aligner geeignet?.

