Eine verschobene Zahnmittellinie bedeutet, dass die Linie zwischen den beiden oberen mittleren Schneidezähnen nicht mit der Gesichtsmitte oder mit der Linie zwischen den unteren Frontzähnen übereinstimmt. Liegt die Ursache in der Stellung der Zähne, kann sie mit einer festen Zahnspange oder Alignern korrigiert werden. Weicht der Unterkiefer beim Zubeißen zur Seite ab oder besteht eine Asymmetrie des Kieferknochens, wird die Behandlung auf diese Ursache ausgerichtet. Kleine Verschiebungen fallen im Alltag meist nicht auf; daher wird die Behandlungsentscheidung ebenso nach Ursache, Auswirkung auf den Biss und Erwartungen der Person getroffen wie nach dem Ausmaß der Verschiebung.
Warum verschiebt sich die Mittellinie?
Die Ursache einer Mittellinienverschiebung zu kennen, bestimmt direkt die Wahl der Behandlung. Die wichtigsten Ursachen sind:
- Fehlende Zähne und früher Milchzahnverlust: Fehlt auf einer Seite ein Zahn oder ging ein Milchzahn früh verloren, wandern die Nachbarzähne in die Lücke und die Mittellinie wird in diese Richtung gezogen.
- Einseitiger Engstand: Ist der Platzmangel auf einer Seite größer, werden die Zähne zur anderen Seite gedrängt.
- Unterschiede in der Zahngröße: Kleinere Zähne auf einer Seite (zum Beispiel ein kleiner seitlicher Schneidezahn) oder ein Größenmissverhältnis zwischen oberen und unteren Zähnen können die Mittellinien auseinanderbringen.
- Frühere Behandlungen: Zahnentfernungen nur auf einer Seite oder eine nicht abgeschlossene kieferorthopädische Behandlung können zu einer Verschiebung führen.
- Funktionelle Verschiebung: Bei einem Kreuzbiss im Seitenzahnbereich kann der Unterkiefer beim Zubeißen zu einer Seite ausweichen. Dann wirkt die untere Mittellinie bei geöffnetem Mund gerade, bei geschlossenem Mund verschoben.
- Skelettale Asymmetrie: Bei knöchern bedingten Asymmetrien, etwa wenn eine Seite des Unterkiefers stärker gewachsen ist, weicht auch das Kinn von der Gesichtsmitte ab.
Muss jede Mittellinienverschiebung behandelt werden?
Nein. Studien zeigen, dass Verschiebungen der oberen Mittellinie bis zu einigen Millimetern von Laien meist nicht bemerkt werden. Eine Schrägstellung der Frontzähne, also eine geneigte statt senkrechte Mittellinie, fällt dagegen viel leichter auf. Dass die untere Mittellinie nicht exakt mit der oberen übereinstimmt, ist ästhetisch meist weniger bedeutsam.
Bei der Behandlungsentscheidung helfen folgende Fragen:
- Stört die Verschiebung die Person ästhetisch?
- Geht die Verschiebung mit einem Bissproblem einher (Kreuzbiss, unpassende Eckzahnbeziehung)?
- Weicht der Unterkiefer beim Zubeißen zur Seite ab und belastet er das Kiefergelenk?
- Beeinflusst die Verschiebung auch das Kinn und die Gesichtssymmetrie?
Besteht nur eine leichte, zahnbedingte Verschiebung, wird die Mittellinie im Rahmen einer aus anderem Grund durchgeführten kieferorthopädischen Behandlung mitkorrigiert; eine lange Behandlung allein zu diesem Zweck ist nicht immer nötig. Da eine Mittellinienverschiebung oft zusammen mit Engstand oder fehlenden Zähnen auftritt, werden diese Themen auch auf den Seiten Engstand mit Alignern behandeln und Aligner bei fehlenden Zähnen behandelt.
Wie wird bei der Untersuchung die Ursache der Verschiebung ermittelt?
- Beurteilung des Gesichts: Die obere Mittellinie wird mit Nase, Lippenmitte und Kinn verglichen.
- Vergleich bei geöffnetem und geschlossenem Mund: Durch den Vergleich der Lage der unteren Mittellinie bei offenem und geschlossenem Mund wird erkennbar, ob eine funktionelle Verschiebung vorliegt.
- Bissanalyse: Die Beziehung der Backen- und Eckzähne wird rechts und links getrennt beurteilt. Unterscheiden sich beide Seiten, weist das auf eine einseitige Bissabweichung hin.
- Digitales Modell und Messung: Mit dem Intraoralscan werden die Zahngrößen und der Platzbedarf berechnet.
- Röntgen: Das Panoramaröntgenbild zeigt fehlende oder verlagerte Zähne; bei Verdacht auf eine skelettale Asymmetrie kann eine frontale Aufnahme oder eine dreidimensionale Bildgebung veranlasst werden.
Wie wird eine Mittellinienverschiebung korrigiert?
Bei zahnbedingter Verschiebung
Bei zahnbedingten Verschiebungen werden die Zähne entgegen der Verschiebung bewegt. Dafür muss Platz geschaffen werden; dieser kann auf folgende Weise gewonnen werden:
- Minimales Abtragen von Zahnschmelz an den Seitenflächen der Zähne (approximale Schmelzreduktion).
- Verschieben der Backenzähne auf einer Seite nach hinten; bei Bedarf mit Unterstützung durch Minischrauben.
- Erweiterung des Zahnbogens bei schmalen Kiefern.
- In manchen Fällen einseitige oder asymmetrische Zahnentfernung.
Um die Bewegungsrichtung zu steuern, werden diagonal eingehängte Gummizüge und asymmetrische Mechaniken eingesetzt. Diese Bewegungen sind sowohl mit einer festen Zahnspange als auch in geeigneten Fällen mit dem Invisalign-System möglich. Bei der Aligner-Behandlung ist im ClinCheck-Plan vorab zu sehen, wie sich die Mittellinie Schritt für Schritt korrigiert, und kleine, auf die Zähne geklebte Erhebungen (Attachments) unterstützen die Bewegung.
Bei funktioneller Verschiebung
Ist ein Kreuzbiss die Ursache der Verschiebung, wird zuerst dieses Problem behoben. Bei Kindern reicht meist eine Erweiterung des Oberkiefers aus; findet der Unterkiefer danach in die Mitte, korrigiert sich oft auch die Mittellinie von selbst. Bei Erwachsenen wird ein zahnbedingter Kreuzbiss mit Alignern oder fester Zahnspange behandelt, eine skelettale Enge mit minischraubengestützter Erweiterung. Einzelheiten finden Sie auf den Seiten Kreuzbiss mit Alignern behandeln und Behandlung zur Kiefererweiterung.
Bei skelettaler Asymmetrie
Ist die Asymmetrie des Kieferknochens ausgeprägt und auch das Kinn zur Seite verschoben, korrigiert das Bewegen der Zähne die Gesichtsasymmetrie nicht. In leichten Fällen können die Zähne so kompensiert werden, dass ein funktionierender Biss entsteht. In ausgeprägten Fällen werden Kieferorthopädie und Kieferchirurgie gemeinsam geplant. Besteht bei Kindern im Wachstum der Verdacht auf einseitig übermäßiges Wachstum, sind weitere Abklärung und Verlaufskontrolle nötig. Die Grenzen der Kieferorthopädie bei knöchernen Problemen werden auf der Seite Korrigieren Aligner die Kieferstellung? erläutert.
Welche Option passt für wen?
- Personen mit leichter, zahnbedingter Verschiebung ohne weitere Probleme: Wenn die Verschiebung nicht stört, Beobachtung; wenn sie stört, eine kurze Behandlung mit fester Zahnspange oder Alignern.
- Wenn die Verschiebung mit Engstand oder fehlenden Zähnen einhergeht: Umfassende kieferorthopädische Behandlung; korrekte Platzverhältnisse im Bereich des fehlenden Zahns für Implantat oder Zahnersatz.
- Kinder, deren Unterkiefer beim Zubeißen zur Seite abweicht: Beseitigung der Verschiebung durch frühzeitige Erweiterung; dieser Ansatz soll das Risiko eines späteren asymmetrischen Wachstums verringern. Zur Frühbehandlung lesen Sie die Seite Frühe kieferorthopädische Behandlung.
- Erwachsene mit ausgeprägter Gesichtsasymmetrie: Gemeinsame Beurteilung durch Kieferorthopädie und Kieferchirurgie.
Beeinflusst eine Mittellinienverschiebung das Kiefergelenk?
Für eine rein zahnbedingte, leichte Verschiebung ist kein deutlicher Einfluss auf das Kiefergelenk nachgewiesen. Bei funktionellen Verschiebungen, bei denen der Unterkiefer bei jedem Zubeißen zur Seite abweicht, beginnen Muskeln und Gelenke jedoch in einer gewohnheitsmäßigen Position zu arbeiten. Bei diesen Menschen können Gelenkgeräusche, Ermüdung beim Kauen oder stärkere Abnutzung auf einer Seite auftreten. Bei Patienten mit Kiefergelenkbeschwerden wird vor der kieferorthopädischen Behandlung eine Gelenkuntersuchung durchgeführt und bei Bedarf die Gelenkbehandlung vorgezogen. Allgemeine Informationen zum Kreuzbiss finden Sie im Beitrag Kreuzbiss.
Wie läuft die Behandlung ab?
- Untersuchung und Befundunterlagen: Gesichts- und Lächelfotos, digitaler Intraoralscan und die erforderlichen Röntgenaufnahmen werden angefertigt.
- Ermittlung der Ursache und Planung: Es wird erklärt, ob die Verschiebung zahnbedingt, funktionell oder skelettal ist; die Optionen werden mit ihrer Dauer und ihren Grenzen besprochen. Die Kosten werden je nach gewähltem Plan schriftlich mitgeteilt.
- Aktive Behandlung: Die Mittellinienkorrektur erstreckt sich meist über die mittlere und letzte Behandlungsphase, da zuerst Platz geschaffen und die Zähne ausgerichtet werden müssen.
- Abschluss: Mittellinien, Eckzahnbeziehung und Symmetrie des Lächelns werden gemeinsam kontrolliert.
Bleibt die korrigierte Mittellinie erhalten?
Nach der Korrektur der Mittellinie neigen die Zähne dazu, in ihre alte Position zurückzukehren, besonders wenn die Verschiebung viele Jahre bestanden hat. Am Ende der Behandlung halten ein festsitzender Retainer und ein nachts getragener herausnehmbarer Retainer diese Tendenz unter Kontrolle. Ist die Verschiebung durch einen fehlenden Zahn entstanden, hilft auch das dauerhafte Schließen der Lücke, das Ergebnis zu erhalten. Wenn Sie beim Tragen des Retainers eine erneute Verschiebung der Mittellinie bemerken, sollten Sie den Kontrolltermin vorziehen; so lässt sich eine kleine Veränderung früh und einfach beheben. Zur Stabilisierung lesen Sie die Seite Retainer nach der Behandlung.

